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Zugezogen Maskulin rappen in „Tanz auf dem Vulkan“ über voranschreitende gesellschaftliche Verwerfungen!

by Community Promotion
Zugezogen Maskulin_Community Promotion

Während Zugezogen Maskulin sich auf der ersten Single „Exit“ mit Selbstreflexion beschäftigten, nehmen sie auf ihrer neuen, heute erschienenen Single „Tanz auf dem Vulkan“ den immer stärker werdenden rechten Rand kritisch unter die Lupe.


Ein Molotow-Cocktail fliegt durch eine bereits zerschlagene Glasscheibe, die billige Gardine fängt sofort Feuer. Flammen und Blaulicht beleuchten das Mosaik an der Fassade des Gebäudes, es ist eine große Sonnenblume. Ein Internetcafe in einer westdeutschen Großstadt. An Computerplatz 3 hat sich gerade ein Mann auf einer Flirt-Webseite eingeloggt. Er sieht zu dem türkischen Cafebetreiber hinüber, der am Verkaufstresen steht, als Vertretung für seinen Vater. Ein junger Mann betritt das Cafe, die Basecap tief ins Gesicht gezogen. In der Hand trägt er eine Plastiktüte. Eine Shishabar. Es riecht nach Apfel-Minze, aus den Boxen plärrt poppiger Deutschrap. In der Ferne explodiert ein Knaller. Silvester ist noch nicht so lange her, niemand denkt sich etwas dabei. Plötzlich, wie aus dem Nichts, steht dieser Mann in der Bar „Midnight“. Er passt hier irgendwie nicht rein. Er ist ganz starr. Dann greift er in seine Jacke.

All diese Bilder steigen in giftigen Schwefeldämpfen aus Rissen in der Erde. Denn die Erde bebt. Sie hat gebebt, als sich zwei Länder auf ihr befanden und sie bebt, seit es wieder nur eines ist. Das Knirschen und Rumpeln wird lauter. Etwas ist unterirdisch, tief im Erdkern, in Bewegung geraten. All die Magmaströme, die zersplitternden Kontinentalplatten, sie brechen an die Oberfläche. Dieser Vulkan muss explodieren, immer und immer wieder. Das letzte Mal vor 86 Jahren, vielleicht muss es alle hundert Jahre passieren, Aufbruch, Eruption, Zerstörung. Und wir? Tanzen auf dem Vulkan!

Auf ihrer neuen Single „Tanz Auf Dem Vulkan“ verweben Zugezogen Maskulin kunstvoll Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem glühenden Alptraum. „Die Nachfahren blieben beim Schießen und Marschieren und lernten sich an Störenfrieden abzureagieren/ Stürmen die Zionskirche/ brüllten „Juden Raus!“ und warfen dann die Mollies in das Sonnenblumenhaus“ rappt Testo, beschreibt das Brodeln und Grollen trotz verordnetem Antifaschismus, beschreibt Traditionen aus Schweigen und Gewalt, die im Hier und Jetzt in vielzitierten Einzeltätern und rechtsradikalen Wahlerfolgen münden: „Wann ziehen wir uns endlich den Stachel aus dem Fleisch?!“ Und grim104? Erzählt atemlos seine fiebrige Version der 20er Jahre, die uns erschreckend bekannt vorkommt: Wirtschaftlicher Niedergang, Zersplitterung der Gesellschaft, Radikalisierung. „Das sind die 20er Jahre, Revoltieren, Verbarrikadieren? Aber tanz gerade so schön auf dem Vulkan/ Freu mich darauf die Balance zu verlieren!“ Denn der Blick in den Abgrund ist immer auch ein lustvoller, auch wenn man weiß, dass es ein böses Erwachen gibt: „Mutter Russland im Rachen, aber nichts löscht diesen Brand, wenn sich die Asche gelegt hat, ist das hier ein anderes Land!

Und der Sound? Das könnte jetzt nach teutonischem Politik-LK-Rap klingen, form follows function.
Tut es aber nicht. Und das ist Silkersofts Beat und AHZUMJOTs Produktion zu verdanken, die „Tanz Auf Dem Vulkan“ so verschwitzt, fiebrig und clubbig klingen lassen, nach den späten 90ern und den ersten hedonistischen Exzessen 2020, wenn die Clubs wieder aufmachen, Timbaland auf Acid, Missy Elliott, die über ein Otto Dix-Gemälde rappt. Sexy und triefend, Zigarettenqualm, Schweiß und Parfüm.

Aber wenn der Club dann schließt, man den Heimweg antritt, vorbei an menschlichen Elend und in die Höhe wachsenden Glasfassaden, an hellblauen Wahlplakaten vorbei, spürt man wieder das Grollen, tief in der Erde, aber wieder ein Stück näher. Der Vulkan ist nicht erloschen.

Er schläft nur.

 

 

Wem die Computerspiel-Ästhetik des Clips gefällt, dem sei nochmals das ZM-Killerspiel ans Herz gelegt, welches die Band mit der Albumankündigung ins Netz stellte.


Zugezogen Maskulin:
10 Jahre Abfuck
Four Music:
VÖ: 07.08.2020
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